Druckversion - DasErste.de - [plusminus - Handel (07.11.2006) (http://www.daserste.de/plusminus/beitrag.asp?uid=zyxrr6yzjshm3uc2&cm.asp)
Handel Vage Waagen WDR, Dienstag, 7. November 2006 Von H-C Schultze und Gregor Witt
Der Preis eines Produktes hängt in vielen Fällen von seinem Maß ab. Wenn nicht korrekt gemessen wird, hat immer jemand einen Nachteil, entweder der Käufer oder der Verkäufer. Deshalb sind Messgeräte, mit denen in Industrie und Handel gearbeitet wird, in Deutschland geeicht. Die Eichbeamten sorgen dafür, dass bei Messungen alles mit rechten Dingen zugeht. Das gilt auch für elektronische Waagen. Trotzdem kann nach einem internen Untersuchungsbericht der Eichbehörden, der [plusminus vorliegt, bei fast einem Drittel der getesteten Waagen das Messergebnis durch Funkwellen beeinflusst werden.
In einer bundesweit durchgeführten Untersuchung vor gut einem Jahr schon kamen die Eichbeamten zu dem Ergebnis: Von 383 getesteten, geeichten Waagen - von der Lkw- bis zur Lebensmittelwaage - sind bei 111 der elektronischen Geräte durch Handys, handelsübliche Funkgeräte und W-Lan-Netze die Messergebnisse verfälschbar. Und das auch bei einem Abstand des funkenden Gerätes zur Waage von mehreren Metern.
Gewichtsangabe halbiert
[plusminus testete auch selbst, zum Beispiel bei der Fleischfabrik Tönnies in Rheda-Wiedenbrück: Ein Funkgerät in der Nähe der Elektronik einer dortigen Fahrzeugwaage reduzierte das angezeigte Gewicht eines 18,58 Tonnen schweren Lkw auf 9,02 Tonnen.
Die Firma betont zwar, dass die Waage nur für interne Kontrollwägungen gebraucht würde und damit keinerlei Gewichte für die Abrechnung mit Zulieferern und Kunden ermittelt worden seien. Das zuständige deutsche Eichamt verweigerte aber die Betriebsgenehmigung. Erst eine ausländische Zulassungsstelle hat den Betrieb erlaubt - ohne Funkprüfung.
Auch unser zweiter Test - dieses Mal in einem Kölner Supermarkt - begründet große Zweifel an der Messgenauigkeit geeichter Waagen. Eine der Kassenwaagen spielte regelrecht verrückt. Sie zeigte beim Wiegen von Bananen so starke Gewichtsabweichungen an, dass ein Kunde einen verdeckten Preisaufschlag von knapp sechs Prozent hätte bezahlen müssen.
Dass es bei solchen Verfälschungen nicht nur ums Geld geht, zeigt unser dritter Test, diesmal in einer Apotheke. Hier konnte das Wägeergebnis mit eingeschaltetem Funkgerät so stark verfälscht werden, dass nach Aussage der dortigen Apothekerin Patienten sogar gesundheitlich geschädigt werden könnten. Denn bei den meisten Produkten ist jedes Milligramm entscheidend.
Ein internes Schulungsvideo der Eichbehörden belegt zudem: Mit funkenden Geräten ist auch Betrug möglich. Je nach Position und Frequenz des Gerätes können Messergebnisse von elektronischen Waagen je nach Wunsch gezielt manipuliert werden. Dafür reicht ein in Betrieb befindliches Funkgerät versteckt in einer Schublade unter der Wiegeelektronik. Der Nachweis, dass damit gezielt betrogen wurde, ist im Nachhinein kaum noch möglich. Messsicherheit ist möglich [plusminus fragte zehn große deutsche Waagenhersteller: Können Sie Ihren Kunden garantieren, dass die Messergebnisse elektronischer Waagen Ihrer Firma durch Strahlung von Handys, Funkgeräten oder W-Lan-Netzen nicht beeinflusst werden können? Fünf antworteten gar nicht, auch nicht nach mehrmaligem Nachfragen. Die fünf übrigen Hersteller verwiesen darauf, dass Ihre Waagen ja nach EU-Recht geprüft wurden. [plusminus befragte dazu den renommierten Europarechtsexperten Prof. Walter Frenz von der RWTH Aachen. Er lässt dieses Argument nicht gelten und sagt gegenüber [plusminus: „Dass so viele störanfällige Waagen in Verkehr sind, widerspricht grob der Zielsetzung des EU-Rechts, der Richtlinie nämlich, die Messsicherheit zu gewährleisten, auch im Interesse des Verbrauchers.“ Dabei ist Messsicherheit durchaus möglich, wie die hohe Zahl der Waagen belegt, die nicht durch funkende Geräte gestört werden können. [plusminus fragte das für die Messsicherheit zuständige Bundeswirtschaftsministerium. Das Ministerium sah sich aus Zeitgründen nicht in der Lage, [plusminus zu antworten, weder vor der Kamera noch schriftlich. Dabei weiß das Ministerium schon seit Jahren von diesem Missstand. Unternommen wurde nichts. Doch während unserer Recherchen wurde das Ministerium dann doch noch aktiv - hinter den Kulissen, wie ein vertrauliches Schreiben belegt, das [plusminus vorliegt. Darin schreibt das Ministerium an die EU-Kommission: „Die unzureichende Störfestigkeit kann zu einer vorhersehbaren Fehlanwendung führen und geht auch einher mit einer unzulässigen Manipulationsoption.“ Auf Deutsch: Betrug ist möglich! Und weiter heißt es: „Den im Rahmen des Vollzugs festgestellten Missständen muss konsequent begegnet werden.“ Wann das Bundeswirtschaftsministerium konkrete Schritte unternehmen will, um Waagen wieder sicher zu machen, erfuhr [plusminus nicht. Solange leben Verbraucher und Betreiber von Waagen mit dem Risiko, dass immer wieder Wägeergebnisse durch Funkstrahlen verfälscht werden.
Dieser Text gibt den Fernsehbeitrag vom 07.11.2006 wieder. Eventuelle spätere Veränderungen des Sachverhaltes sind nicht berücksichtigt. |