Ausgabe 29. Oktober 2006
DNA bricht je nach Sponsor: Mobilfunk-Forschung ad absurdum
Bereits im März 1959 beobachteten Forscher aus Connecticut (New England, USA) erstmals Erbgutschäden nach einer radiofrequenten Bestrahlung [1]: "Die beobachteten Effekte ähneln solchen die durch ionisierende Strahlung [2] oder c-mitotische Substanzen [3] hervorgerufen werden" schrieben die Autoren in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift "Nature".
Seither ist nun ein halbes Jahrhundert vergangen, und dutzende weitere Studien zu Erbgutschäden durch Mikrowellenstrahlung (z. Bsp. "Handystrahlung") zeichneten ein verwirrendes Bild. Mobilfunk-Firmen wie Motorola pflegten zudem stets die absurde Ansicht, dass negative Studien (ohne gefundene Effekte) positive Studien neutralisieren würden. Um Zeit zu gewinnen, wurden kaum Anstrengungen unternommen, die Widersprüche aufzuklären.
US-Amerikanische Studie: Wer zahlt befiehlt
Um die verwirrende Lage endlich zu klären, trugen die beiden Experten Prof. Henry Lai [4] und Dr. Louis Slesin [5] alle Studien zusammen, welche sie zu dieser Frage finden konnten, und verglichen die Ergebnisse mit der Herkunft der Forschungsgelder [6]. Sie fanden 85 Studien welche in den letzten 16 Jahren in wissenschaftlichen Fachzeitungen publiziert wurden. 43 davon fanden einen "biologischen" Effekt auf das Erbgut, 42 fanden keinen Effekt.
Zur Übersicht hier der Autor und das Publikationsjahr jeder untersuchten Studie:
Effekt gefunden:
Aitken(05); Baohong(05); Balode(96); Belyaev(05,06); Busljeta (04); D`Ambrosio(02); Diem(05); Fucic(92); Gadhia(03); Gahndi(05a,05b); Garaj-Vrhovac(90,91,92,99); Haider(94); Lai(95,96,97a,97b,05); Maes(93,96,97); Markova(05); Mashevich(03); Narasimhan(91); Paulraj(06); Phillips(98); Sarimov(04); Sarkar(94); Semin(95); Sykes(01); Tice(02); Trosic(01,02,04,06); (DY)Zhang(06); (MB)Zhang(02); Zotti-Martelli(00,05).
Keinen Effekt gefunden: Antonopoulos(97); Bisht(02); Chang(05); Ciaravino(91); Garson(91); Gorlitz(05); Gos(00); Hook(04); Kerbacher(90); Komatsubara(05); Koyama(04); Lagroye(04a,04b); Li(01); Maes(95,00,01,06); Malyapa(97a,97b,98); McNamee(02a,02b,03); Meltz(90); Ono(04); Roti Roti(01); Sakuma(06); Scarfi(06); Stronati(06); Takahaski(02); Verschaeve(06); Vijayalaxmi(97a,97b[7],99,00,01a,01b,01c,03); Zeni(03,05).
Nun betrachten wir die Herkunft der Forschungsgelder.
Hierfür werden die Studien folgendermassen markiert:
ROT: finanziert von der Industrie (*= teilweise)
BRAUN: finanziert von der US-Airforce (*=teilweise)
SCHWARZ: finanziert von der öffentlichen Hand oder anderen.
GRAU: Finanzierung unbekannt.
Mit dieser Aufschlüsselung ergibt sich folgendes Bild:
Effekt gefunden:
Aitken(05); Baohong(05); Balode(96); Belyaev(05,06); Busljeta (04); D`Ambrosio(02); Diem(05); Fucic(92); Gadhia(03); Gahndi(05a,05b); Garaj-Vrhovac(90,91,92,99); Haider(94); Lai(95,96,97a, 97b,05); Maes(93,96,97); Markova(05); Mashevich(03); Narasimhan(91); Paulraj(06); Phillips(98); Sarimov(04); Sarkar(94); Semin(95); Sykes(01); Tice(02); Trosic(01,02,04,06); (DY)Zhang(06); (MB)Zhang(02); Zotti-Martelli(00,05).
Keinen Effekt gefunden:
Antonopoulos(97); Bisht(02); Chang(05); Ciaravino(91); Garson(91)*; Gorlitz(05); Gos(00); Hook(04); Kerbacher(90); Komatsubara(05); Koyama(04); Lagroye(04a,04b); Li(01); Maes(95,00, 01,06); Malyapa(97a,97b,98); McNamee(02a,02b,03); Meltz(90); Ono(04); Roti Roti(01); Sakuma(06); Scarfi(06); Stronati(06); Takahaski(02); Verschaeve(06); Vijayalaxmi(97a,97b, 99,00,01a*,01b*,01c*,03*); Zeni(03,05).
Auflistung der Studien mit freundlicher Erlaubnis von Microwave News.
Man braucht kein Statistiker sein, um hier einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Resultat der Studie und dem Auftraggeber zu erkennen.
Von den 3 Studien, welche trotz industriellem Auftraggeber einen Effekt fanden, wäre eine fast nicht publiziert worden (Phillips 98). Der Forscher hatte sich dabei über den Willen des Auftraggebers hinweggesetzt [8].
Schweizerische Studie: Wer zahlt befiehlt auch hier
Das Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Universität Bern untersuchte ebenfalls dieses Jahr, ob ein Zusammenhang zwischen der Herkunft der Gelder und dem Ergebnis einer Studie existiert. Man untersuchte 59 Studien (zwischen 1995 bis 2005) zu gesundheitsrelevanten Effekten der Mobilfunkstrahlung und kam zum gleichen Schluss [9]:
Studien, die nicht von der Industrie finanziert wurden, fanden 10mal häufiger statistisch signifikante Effekte als solche die rein von der Industrie finanziert wurde. Die Unterschiede konnten laut Mitautor Prof. Matthias Egger nicht mit der Methodik oder der Studienqualität erklärt werden. Sie müssten vielmehr auf die unterschiedliche Finanzierungsart zurückgeführt werden. [10]
Nun stellt sich jedoch die Frage, was solche Studien noch mit der Wahrheitsfindung zu tun haben. Jürg Baumann vom Bundesamt für Umwelt (BAfU) dazu: "Resultate solcher Studien grundsätzlich nicht mehr bei Entscheidungsfindungen zu berück-sichtigen wäre unfair" [11].
Unfair für die Industrie? Doch was ist mit dem Bürger, der sein Haus unter Marktpreis verkaufen muss, weil er es neben dem Handymast nicht mehr aushält? Pech gehabt, sagen die Beamten. Die Studien sind noch nicht eindeutig...
Wissenschaft, die kein Wissen schafft: Forschung wird zur Farce
Wissenschaftler geben sich gern als Verkünder objektiver, unanfechtbarer Wahrheit aus. Die uninformierte Öffentlichkeit hat sich zwar daran gewöhnt, dass Wirtschaftsbosse Bilanzen fälschen, aber man glaubt immer noch, dass Forscher höhere Ziele verfolgen, und daher objektiv arbeiten würden. Dabei sind viele Forscher "im Auftrag" tätig und vertreten in erster Linie die Interessen ihrer Geldgeber [12]. Dass hierunter sogar führende Mitarbeiter einzelner "wissenschaftlicher" Verleger fallen (wie z. Bsp. Radiation Research), legt die Analyse von Microwavenews sehr nahe [13]. Es gibt zahlreiche Beispiele, wie Studien manipuliert oder sogar gefälscht werden, doch der Mythos der objektiven Forschung hält sich hartnäckig.
Wie weit die "Wissenschaft" heute bereits von Industrie und Politik instrumentalisiert wurde, lässt sich sehr schön an der Reaktion des dänischen Wissenschaftsministers Helde Sanders auf den drohenden Baustop einiger Städte für UMTS-Antennen verdeutlichen: Er betonte vor der "Copenhagen Post" völlig unwissenschaftlich: "Ich habe keinen Zweifel, dass wir die öffentlichen Bedenken zerstreuen können" [14].
Die moderne Taktik der Industrie heisst derweil: Umarmen. Zur Brust nehmen, und zudrücken, bis es kaum noch unabhängige Wissenschaftler gibt, und nur noch Entwarnungs-Studien erstellt werden. So werden Risiken "unter den Tisch geforscht".
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